Ungeschützte Flanken

Lutterbek – Am Ende ist sie angekommen. „Ich hör’ Musik“, raunt Cora Frost, inbrünstig, fast ein bisschen verwundert. Die Reise war lang, wild und mild, zart und wüst, manchmal bekloppt, ab und zu hellsichtig, und Halt gaben unterwegs nur die Lieder in Coras Frost neuem Programm mit alten Songs „The Best oft The Rest of Cora Frost“, das im Lutterbeker eine viel beklatschte Vorpremiere feierte.
Schon der Anfang ist eigentlich ein Ende. Gestrandet in einer „viertklassigen Porno-Show“ verdingen sich Frost und ihre drei Band-Kollegen, denn irgendwoher muss der Rubel ja rollen. Pianist Gert Thumser ächzt im Bademantel auf einer Mini-Récamière, von Cora im Hochzeitskleid bestiegen, doch dann wird die Szene abgebrochen: Die Hauptdarstellerin kriegt den entscheidenden Satz nicht über die Lippen: „Ich liebe dich.“
Sodann hockt man ratlos in der Garderobe, und nach und nach marschieren sie auf, die alten Bekannten aus dem Frostschen Lieduniversum: Da wieselt die Zwergin Paula durch die Kulissen auf der Suche nach ein bisschen Liebeshitze, um später einsam im Feuer ihrer Zigarettenglut zu Asche zu verkohlen; stampft die dicke Marie, dass kein Gras mehr neben ihr wächst; winkt die zarte Ljuba, die gute Küsserin, vom Kohlenfeld herüber, wo sie in weißen Schuhen auf spendable Freier wartet; und die gassenhauernde Hannelore tanzt wie verrückt.
Die Stücke klingen so eindrücklich wie eh und je. Cora Frost, unberechenbares Bühnentier, singt sie mal wie nebenbei genuschelt, mal überbordend akzentuiert. Fast auf Knopfdruck kommt Schärfe ins Spiel, wenn sie das Tempo plötzlich anzieht, die Stimme vom Hals in den Kopf kippen lässt, sich von der Chansonette zur Punkerin zur Operndiva und zurück verwandelt. Ein roter Faden? Den sucht man vergebens – wenn schon dann gibt es ganz viele. Immer wieder brechen Frost und Gert Thumser, ihr Partner nicht nur am Klavier, sondern auch in den kurzen Spielszenen, Gary Schmalzl, der die E-Gitarre so desperat schummern lassen kann, und Toni Nissl, der gefühlvoll die Felle und Becken streichelt und drischt, das Ganze mittendrin ab. Wieder ein Weg in einer Sackgasse geendet. Für den Spannungsbogen eines gewöhnlichen Bühnenprogramms würde etwas fehlen. So aber lassen die Leerstellen das offen, worum es hier eigentlich geht: die ungeschützten Flanken einer Künstlerin. Die sich auf dem Sprung, es großen Kollegen wie Tim Fischer an Popularität gleichzutun, immer wieder ins Sperrige, Fragende zurückzog und jetzt vors Publikum tritt, vor das „erwartungsvolle Atmen“, und fleht: „Lasst mich doch raus aus eurem Blick“. Um dann in Don-Quichotte-Manier, mit Gert Thumser als aberwitzigen Sancho Pansa an ihrer Seite, den Kampf doch wieder aufzunehmen.
Viel Assoziatives, Theatralisches passiert: merkwürdiger Ausdruckstanz, schräge Kostüme, überspannte Kommentare. Einiges läuft ins Leere, anderes trifft genau, wenn sie etwa im Lied Supermarkt so spottlustig rasant über die enttäuschten Hoffnung räsoniert, oder wenn alle vier zum Song In Berlin gibt es ein Meer sehnsüchtig mit Wodkawasser gurgeln. Das Ende des Programms wiederum wirkt wie ein Anfang, weil Frost kein Ende finden kann und immer noch ein neues Lied anstimmt. Kurz gesagt: She did it her way.

Beate Jänicke

Kieler Nachrichten vom 08.09.08


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