Herzweh kann so schön sein

Lauter verzweifelte Lieder: Cora Frost stellte ihr neues Programm in der Stauerei vor

BREMEN. Vom Leben und von Grenzüberschreitungen ist im Hafenlokal zu sprechen, oder zu singen, je nachdem. In dieser Tradition präsentierte auch die Sängerin und Schauspielerin Cora Frost ihr jüngstes musikalisches Programm in der Stauerei, mit großer Hingabe an das Sentiment. Ob es ein ironisches Spiel mit der eigenen Selbstinszenierung oder wehmütiger Ausdruck ihres tat-sächlichen Lebensgefühles ist, bleibt dabei auf charmante Weise im Unklaren.
 
Als eine gescheiterte Diva betritt sie jenen Ort, den sie als den einsamsten der Welt beklagt: die Bühne. “Das Bisschen, was ich zu sagen habe, das kann ich auch singen”, untertitelt sie ihren Auftritt und legt damit die schwermütige und bisweilen in tiefste Verzweiflung greifende Tonart fest, welche diesen Abend mit hoher emotionaler Intensität ausstattet. Ergreifende und komische Lieder trägt sie vor, etwa von der unerfüllten Liebe einer Großstädterin zu einer Bäuerin: “Dicke Marie – ich krieg’ dich nie” wäre hier als einer der zahlreichen Höhepunkte zu nennen. Doch auch mit komödiantischen Mitteln wird dem zentralen Thema des Abends, der Liebe zwischen Frauen, nachgegangen. Zum Beispiel verwandelt sich die Protagonistin mit der gebotenen Euphorie für pompöse Kostümierung in die Poplegende Cher. In der Rolle der Indianersquaw erfährt sie die gesellschaftliche Ausgrenzung “Du bist ein Halbblut, du bist nicht so wie wir”, muss sie sich da sagen lassen. Inhaltlich wie musikalisch

bewegt sich das Programm also in jenem Rahmen, wie ihn einst die Band Rosenstolz auch für ein großes Publikum populär gemacht hat.

Begleitet wird Cora Frost durch die Musiker Toni Nissl und Gary Schmalzl an Gitarre und Schlagzeug sowie dem Pianisten Gert Thumser. Letzterer zeichnet auch als Komponist für einen Teil des Programms verantwortlich und bereichert den szenischen Teil mit seiner heiter gebrochenen Bühnenpräsenz, welche er aus seiner, mit Verlaub, rundlichen Statur sowie einem ereignisreichen Leben zu schöpfen scheint. Auch schreckt die bunt gemischte Revue nicht vor derber Clownerie zurück. Da wird die rote Pappnase ebenso wenig gescheut wie die hiermit häufig verbundene und zu Recht gefürchtete Infantilisierung des Bühnenge-schehens. Doch all dies nimmt dem gelungenen Abend nur wenig von seiner Qualität. Auch Ton- und Lichteinrichtung ließen spü-ren, dass hier die arg begrenzten Mittel der spartanisch ausgestatteten Stauerei liebevoll an die Grenze des gestalterisch Möglichen gebracht wurden.

Zum Abschluss bleibt die Frage: Was soll man für die Zukunft wünschen? Dass das Herzweh der Frost gelindert werden möge? Oder dass sie noch lange so schön davon berichten wird? Natürlich beides.

Sven Garbade

Bremer Nachrichten vom 15.09.08


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