Die Braut trägt Charme
Cora Frost räumt auf: “Best of Rest” im Admiralspalast-Studio
Die Bühne sieht aus wie eine bizarre Rumpelkammer, in der eine verstörte Kinderbande ihre wild eingesackten Beutestücke von einer blau gepolsterte Miniatur-Récamière bis zu einem orangefarbenen Telefon aufbewahrt. Dazu der neben Klavier, E-Gitarre und Schlagwerk wichtigste Bestandteil des Abends: Ein dunkler Paravent, hinter dem immer neue skurrile Kostüme warten und munter gewechselt werden. “Best of Rest” heißt das neue Programm von Cora Frost und ihrer Drei-Mann-Kapelle im Studio des Admiralspalasts, für das weder an Absurditäten noch an Kalauern, weder an amüsanten Überleitungen noch an blöden Witzen gespart wird. Kein Ramschverkauf also, sondern eine beherzt alberne Zwischenbilanz der 25 Jahre, in denen Cora Frost die Bühnen zwischen Bremerhaven, Pforzheim und Winterthur beehrte.
Ganz in Weiß, stürzt sie als BrautDiva herein, aber schon der halbseidene Kameramann und sein Assistent, die sie umschwirren, lassen Schlimmes befürchten. Und so stellt sich bald heraus: Dies ist die Garderobe eines viertklassigen Live-Sex-Clubs. Wer zu doof ist, wettert der Pianist und Komponist Gert Thumser, um sich nach oben zu schlafen, schläft sich eben nach unten. Die Rahmenhandlung ist ziemlich krud und nur mäßig von Belang. Wichtiger ist die Auswahl der altbewährten Lieder, mit denen Cora Frost ihr rund dreistündiges Konzert bestreitet. In den Balladen, Moritaten und oft ariosen Chansons tauchen Käuze und Ketzer aus einem Vierteljahrhundert verständnisvoller wie unsentimentaler Welt- und Menschenerforschung auf. Die meisten sind – “Nix gegen die Weiber” – Frauen. Sie heißen “Ljuba”, “Paula Maus”, “Dicke Marie” (“Du ziehst vorüber, Deine Schenkel riechen nach Flieder”) oder “Hannelore” (“Süßes reizendes Geschöpfchen, mit dem schönsten Bubiköpfchen, keiner unterscheiden kann, ob Du ‘n Weib bist oder ‘n Mann.”)
Mal klingt Cora Frost melancholisch rau wie Barbara, dann wieder wie eine ungestüme Opernsängerin beim Aufwärmen oder erinnert an Nina Hagen in guten Zeiten. Doch ob vollmundig expressiv oder verhaucht introspektiv, immer bringt sie ihre komprimierten Szenen und tollkühnen Momentaufnahmen zum Klingen. Schwermut und Ironie gehen Hand in Hand durch Arkaden von leidenschaftlich parodierten, pathetisch aufgebauschten Posen. Da wolken die Trockeneisschwaden so dreist wie die Assoziationen von “Hamlet” über die Inkas bis zu Don Quichotte. Zwei riesige Männerunterhosen werden aufs Klavier gebreitet und zum Tränentrocknen genutzt, dabei ist Cora Frosts Best-Of-Melange weder rührselig noch feuchtfröhlich. Es schaut einfach lustig aus, wird rasch erledigt – weg damit. Ungleiche Stühle bevölkern die unaufgeräumte Bühne, Cora Frost setzt sich zwischen alle und macht daraus einen anregend fidelen Abend.
Irene Bazinger
Berliner Zeitung vom 26.09.08
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- Published:
- September 29, 2008 / 4:15 pm
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